Work-Life-Balance per Verordnung?

Burnout ist hierzulande zum neuen Synonym für die Brutalität der Arbeitswelt geworden. Die Zunahme der stressbedingten Ausfalltage und die Steigerungsraten des Burnout-Syndroms in der klinischen Diagnose scheinen geradezu prädestiniert zu sein, ein Phänomen abzubilden, das sich ansonsten schwer fassen lässt. Mangelnde Führungskompetenz in den Unternehmen, das reale Maß der Überlastung von Arbeitnehmern oder Work-Life-Balance lassen sich nun einmal schwer als Zahlen abbilden – die Krankschreibungen auf Grund psychischer Probleme dagegen ganz exakt: Etwa 50 Prozent davon gelten als direkte Burnout-Faktoren. Und die Zahlen steigen rapide an. Burnout-bedingte Krankheitstage sind in den letzten acht Jahren um das Achtzehnfache gestiegen.

Um dieses abstrakte Verhältnis ein wenig anschaulicher zu machen, wird es wahlweise gerne in rund 60 Millionen Krankentagen, 40.000 ausgefallenen Arbeitsjahren oder 71 Milliarden verlorener Bruttowertschöpfung und Produktionsausfallkosten ausgedrückt. Es scheint fast so, als würde in Ermangelung griffiger Zahlen aus der Arbeitswelt jede beeindruckende Größe, die auch nur einen schwachen Widerschein des Problems liefern kann, umso freudiger verbreitet. Nichts behindert die Diskussion mehr als das. Burnout ist keine Zeit- oder Geldfrage – jedenfalls sind diese beiden Größen nicht geeignet, das Problem der psychischen Überlastung im Arbeitsprozess zu erfassen. Selbst das Erklärungsmodell Work-Life-Balance ist fragwürdig, denn der Begriff impliziert, dass sich Arbeit und Leben offenbar konträr gegenüberstehen. Das Problem ist weniger das Verhältnis von Arbeitszeit zu Freizeit, sondern die Arbeit als solche in ihrer Rolle als sinnstiftendes Element. Der Politik fällt nichts Besseres ein, als erst einmal eine Anti-Stress-Verordnung auf den Weg zu bringen. Am Problem selbst ändert dies nichts, und erst recht hilft es nicht bei der Bewältigung des psychischen Drucks, dem die Menschen ausgesetzt sind. Work-Life-Balance trägt individuellen Charakter und lässt sich nicht mit einer allgemeinen Messlatte herstellen.

Burnout – eine Generationsfrage?

Jegliche Pauschalisierung ist kontraproduktiv. Wenn schon Richtwerte benötigt werden, dann wäre doch zuerst zu fragen: Wer ist besonders gefährdet? Gibt es Schwerpunkte für Burnout? Jeder 22. Arbeitnehmer gilt allgemein als Burnout-gefährdet – doch dies ist viel zu allgemein gegriffen. Wenn die Fragen richtig gestellt werden, wird hingegen sogar die Statistik zum hilfreichen Instrument. Ein Hinweis reicht, um eine konstruktive Denkrichtung auszumachen. Die am stärksten von Burnout gefährdete Gruppe sind die 50 bis 59jährigen Männer. Sie liegt weit über dem SES-Wert, der mittlerweile zur Kennzeichnung eines hohen Risikos eingeführt wurde. Dazu passt, dass jährlich mehr als 40 Prozent der Rentenbescheide auf Grund verminderter Erwerbsfähigkeit wegen psychischer Störungen vergeben wurden. Psychischer Druck ist mittlerweile die Hauptursache für Frühverrentungen. Demgegenüber steht die Gruppe der 20 bis 29jährigen Männer, deren SES-Wert weit unter dem Prädikat ’niedriges Risiko‘ liegt. Hatte diese Altersgruppe noch nicht genug Zeit, um sich bis zum Burnout aufzureiben, oder beherrscht sie etwa die Work-Life-Balance besser?

Work-Life-Balance und die Generation Y

Die Existenz der Generation Y ist bewiesen. Tausende Umfragen ergeben das gleiche Bild über die nach 1980 Geborenen, und dieses weicht extrem von den bisherigen Typisierungen ab. Junge Menschen, denen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu 73 Prozent am wichtigsten ist, gab es bisher in Deutschland noch nicht. 61 Prozent für Freunde und das soziale Umfeld sind ebenfalls rekordverdächtig. Das Ganze funktioniert dann logischerweise auch in der Gegenrichtung: ehemals hehre Ziele wie hoher Lebensstandard und beruflicher Aufstieg rutschen mit 22 bzw. 15 Prozent an das Ende der Werteskala. Das riecht geradezu nach Work-Life-Balance, zumal die Studenten ihre Berufschancen als sehr gut bezeichnen, aber mit minderen Einstiegsgehältern zufrieden wären. Studiert wird auch nicht mehr nach Verdienstchancen, sondern nach individuellen Neigungen (92 Prozent) – Zufriedenheit mit der eigenen Tätigkeit ist eine solide Grundlage für Work-Life-Balance. Damit haben sich auch die Tendenzen aus der Generation X deutlich verstärkt.

Work-Life-Balance – zu neu für ‚alte Hasen‘?

Die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen sind mit ganz anderen Werten aufgewachsen. Ein einträglicher Beruf sollte das Überleben sichern. Von glücklich werden oder gar von Work-Life-Balance war in diesem Zusammenhang keine Rede. Die intellektuelle Vorhut räsonierte 1968 gegen diese Spießer-Ideale, um sich danach auf noch einträglicheren Positionen einzurichten. Ihre Work-Life-Balance war eher theoretischer Natur. Das binäre Denken, nur mit Opfern Ziele zu erreichen, ist auch heute noch weit verbreitet. Die Überbetonung einer Komponente zieht automatisch eine Reduzierung einer anderen nach sich. Work-Life-Balance kann sich so nicht einstellen. Der Dauerkampf um minimale Fortschritte in Kombination mit großen emotionalen Verlusten führt zwangsläufig zu dem psychischen Druck, der das „Verbrennen“ fördert.

Work-Life-Balance bleibt vorerst leider nur ein Kampfbegriff, der meist auf den Gegensatz Arbeitszeit-Freizeit reduziert wird. Dem individuellen Charakter und auch dem Burnout-Syndrom als wesentliche Ursache der Diskussion um die Work-Life-Balance wird diese primitive Sichtweise allerdings nicht gerecht. Trotzdem kann Work-Life-Balance eine Lösung darstellen.

Es bleibt also die Frage: wer ist verantwortlich, um für eine ‚echte‘ Work-Life-Balance zu sorgen? Man darf hoffen, dass die Generation Y eine Entwicklung vorantreibt. Aber selbst wenn sie es tut: die Verantwortung für die Umsetzung liegt bei den Führungskräften (und auch in der Führungskultur). Sie haben die Aufgabe, die Kompatibilität zwischen den Ansprüchen des Einzelnen und jenen des Unternehmens herzustellen!

Das Problem ist (noch): nur eine Minderheit ist sich dieser Rolle bewusst. Die Mehrheit begreift sich nicht als Führungskraft, sondern als Kennzahlen-orientierten ‚Manager deluxe‘. In diesem, von quantitativen Maßstäben geprägten Weltbild ist Work-Life-Balance ein schlichtes Kennzahlen-Hemmnis.

Der Kampf gegen Burnout ist deshalb keine Angelegenheit, die sich per Gesetz regeln lässt, sondern erfordert ein Umdenken in den gesellschaftlichen Werten – Work-Life-Balance wäre ein Teil davon. Die jüngeren Generationen haben erkannt, dass das Leben die Schnittmenge aus der Arbeit, dem Zuhause, dem Gemeinwesen und dem ganz persönlichen Ich ist.

Fazit:

  • Der Gegensatz von Arbeit und Freizeit ist eine überholte Denkweise, die durch staatliche Regulierungen noch künstlich am Leben gehalten wird.
  • Die tiefere Ursache für den Stress in der Arbeit ist die Abwesenheit von Führung – einer Führung, die Sinn, Werte, Strukturen, Kreativität und Begeisterung vermittelt und fördert.
  • Wenn SIE als Leser Führungskraft sind, dann stehen SIE in der Verantwortung zu führen, dann sollten SIE die Avantgarde gegen das Burnout-Syndrom bilden. Und nur um Missverständnisse zu vermeiden: Teil dessen ist nicht Anbiederung bei den Mitarbeitern!
  • Ehe Work-Life-Balance nicht zum allgemeinen Prinzip geworden ist, werden die Burnout-Zahlen weiter steigen.

Quellen:
http://wirkt.de/die-anti-stress-verordnung
http://www.stern.de/gesundheit/ratgeber/krankenkassen-warnen-zahl-der-burnout-faelle-steigt-dramatisch-1961182.html
http://www.muenchener-institut.de/burnout-und-unternehmen/zahlen-daten-fakten/
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/233475/umfrage/praevalenz-von-burn-out-nach-geschlecht-alter-und-sozialem-status/
http://www.welt.de/wirtschaft/karriere/article128692566/So-bieder-sind-Deutschlands-Studenten-heute.html
http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/work-life-balance-wie-man-arbeit-und-leben-erfolgreich-verbindet-a-996018.html

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