Rückgang von Telearbeit in Deutschland – der Vorgesetzte als Kontrollfreak?

Yahoo-Chefin Marissa Meyer macht gerade den Praxistest, ob sich ein Unternehmen im 21. Jahrhundert auf autoritäre Weise führen und vor allem nachhaltig sanieren lässt. Ein scharfes Bewertungssystem und mehr Kontrolle der Mitarbeiter sollen dafür sorgen, dass der Internet-Gigant wieder dauerhaft schwarze Zahlen schreibt. Eine Maßnahme, die auch eine ganze Reihe öffentlicher Fragen aufwarf, war ihr Stopp der Telearbeit bei Yahoo. Die Mitarbeiter sollen ab sofort wieder möglichst vollzählig an ihren Office-Arbeitsplätzen erscheinen. Halboffiziell war dabei durchaus von einer Vertrauenskrise die Rede. Angeblich vermutet Marissa Meyer, dass die ursprünglich konzernweit propagierte Telearbeit dazu führt, dass sich die hochqualifizierten Heimarbeiter bei üppigen Gehaltschecks in der häuslichen Atmosphäre weniger für das Unternehmen engagieren als privat entspannen.

Die Haltung Meyers zu Telearbeit teilen offenbar auch viele deutsche Chefs. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt Telearbeit hierzulande einen recht kontinuierlichen Abwärtstrend. Ihren Höhepunkt hat sie im Jahr 2008 erreicht, inzwischen liegt Deutschland im europäischen Vergleich hier weit zurück. Studienautor und DIW-Arbeitsmarkt-Experte Karl Brenke erläuterte im Interview mit „Spiegel Online“, woran dies liegen könne. Deutschen Führungskräften bescheinigte er in diesem Kontext die Eigenschaften von Kontroll-Freaks.

Anwesenheitswahn in deutschen Unternehmen weit verbreitet

Demnach verbreiten sich Heim- und Telearbeit innerhalb Europas immer stärker. In Deutschland ist die Anzahl der Menschen, die in solchen Arbeitsformen tätig sind, in den vergangenen vier Jahren jedoch um 800.000 auf insgesamt 4,7 Millionen abgesunken. Strukturelle Erklärungen finden sich für diese Entwicklung nicht – die Berufsstruktur in Deutschland unterscheidet sich laut Brenke nur geringfügig von Skandinavien oder Großbritannien. Der Experte glaubt stattdessen, dass in Bezug auf die Akzeptanz von Telearbeit unterschiedliche Unternehmens- und Führungskulturen den Ausschlag geben. In vielen europäischen Ländern genießen Arbeitnehmer deutlich mehr Freiräume als in Deutschland. Deutsche Firmen sind demgegenüber noch immer stark durch den „Anwesenheitswahn“ geprägt, der davon ausgeht, dass ein Mitarbeiter nicht produktiv sein kann, wenn er nicht mindestens von neun Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags an seinem Schreibtisch sitzt.

Verzicht auf Telearbeit verschenkt produktives Potenzial

Viele Chefs erkennen bisher nicht, dass sie mit diesem Ansatz beträchtliches Potential verschenken. Einer der wesentlichen Pluspunkte von Telearbeit ist, dass viele Menschen hierdurch Beruf und Familie besser vereinbaren können als im Rahmen von festgeschriebenen Präsenz-Arbeitszeiten. Wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern diese Flexibilität ermöglichen, stärken sie damit die Produktivität, die Motivation und die Zufriedenheit ihrer Angestellten. Das Vertrauen in die Mitarbeiter zahlt sich also auch in geschäftlichen Erfolgen aus. Die europäischen Spitzenreiter in Sachen Telearbeit sind im Übrigen die skandinavischen Länder, allen voran Island. Deutschland liegt dagegen allenfalls im unteren Mittelfeld und auch weit hinter Ländern wie Großbritannien oder Frankreich. Karl Brenke meint, dass ihm dieses Phänomen ein Rätsel ist, zumal sich in den letzten Jahren die technischen Möglichkeiten für Telearbeit stark verbessert haben und es immer mehr qualifizierte Jobs gibt, die sich dafür eignen.

Vertrauenskrise zwischen Chefs und Mitarbeitern

Die wesentlichen Gründe dafür hat der Arbeitsmarkt-Experte allerdings bereits selbst genannt: Vorurteile sowie die Auffassung, dass gute Führung nur durch möglichst weitgehende Kontrolle möglich ist. Dass dies nicht nur in Bezug auf das produktive Potenzial von Telearbeit problematisch ist, hat im letzten Jahr eine Gallup-Studie zur Arbeitszufriedenheit gezeigt. Die jährlich durchgeführte Untersuchung zeigt, dass der Anteil der Mitarbeiter, die innerlich bereits gekündigt haben, wächst: 24 Prozent der Mitarbeiter haben keinerlei emotionale Bindung an das Unternehmen, für das sie tätig sind, 61 Prozent fühlen sich ihrer Firma nur in geringem Maße emotional verbunden. 2001 – zum Zeitpunkt der ersten einschlägigen Gallup-Studie – befanden sich dagegen nur 15 Prozent der Arbeitnehmer in der inneren Kündigung. Das Thema „Vertrauenskrise“ betrifft also keineswegs primär Yahoo und als prominentes, aber für Deutschland kaum relevantes Negativ-Beispiel aus der Ferne. Die Problematik ist längst (und sehr massiv) in deutschen Unternehmen angekommen. Die Lösung dafür muss im grundsätzlichen Überdenken der Frage, was gute Führung wirklich ist, bestehen.

Praxistipps:

  • Vertrauen und emotionale Bindung sind für eine produktive Kultur von Unternehmen wichtig.
  • Eine solche Kultur zu etablieren und mit Leben zu erfüllen, ist ein zentrales Führungsthema – jede einzelne Führungskraft ist dafür in der Pflicht.
  • Auf dieser Basis entsteht – nicht nur im Hinblick auf Telearbeit und andere neue Arbeitsformen – ein produktiver und vor allem zukunftsfähiger Ausgleich zwischen den Interessen des Unternehmens und der Mitarbeiter.

Quellen:
http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/diw-experte-karl-brenke-im-interview-ueber-seine-studie-zu-heimarbeit-a-954426.html
http://www.zeit.de/karriere/beruf/2013-03/gallup-studie-2013

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